2007
...und wir haben
noch lange nicht genug
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+++ Pressebericht aus dem Jahr 2007 +++

Willkommen im Kinderhotel

Mehrere Kitas in Ostbrandenburg bieten 24-Stunden-Service an / Firmen sponsern das Angebot


Willkommen im Kinderhotel
Frankfürt (Oder) (GMD/dpa) Spricht man Renate Schulz auf Familienministerin Ursula von der Leyen an, dann muss die Chefin des Frankfurter Kinderhauses am Südring schmunzeln. Das Kor "Bei uns gibt es das, worum jetzt gestritten wird, schon seit 1975", sagt sie stolz. Ihre Einrichtung wurde damals als Wochenkrippe eröffnet. "Jede Nacht hatten wir 30 bis 40 Kinder von Schichtarbeitern bei uns", erinnert sich Renate Schulz.
Heute ist der Verein Lebenshilfe Träger des Kinderhauses, und das Angebot von damals gibt es immer noch. Vor kurzem waren sogar Leute von Conergy da, die sich das mal anschauen wollten. Wie ein Unternehmenssprecher bestätigt, will die Hamburger Solarfirma in ihrer neuen Frankfurter Fabrik eine Betriebs-Kita mit 40 Plätzen einrichten - ganz nach dem Vorbild des Kinderhauses am Südring.

Zwölf Bettchen stehen dort für einen kleinen Obolus jederzeit bereit, wenn Eltern, die in der Gastronomie, im Krankenhaus oder im Callcenter arbeiten, nicht wissen, wohin mit ihren Kindern. "Aber das ist nur als Notlösung gedacht", betont Renate Schulz. "Grundsätzlich gehört das Kind ins eigene Bett." Pro Woche seien im Schnitt drei Kinder über Nacht zu Gast. Sie dürfen auf einer gemütlichen Couch sogar femsehen, und dann werden sie von einer Erzieherin ins Bett gebracht. "Ohne die Hilfe der der Stadt würde es diese Möglichkeit für die Eltern nicht geben", sagt Renate Schulz.
Die Kommune finanziert eine halbe Stelle für den besonderen Service der Kita, die jeden Tag bis 20.30 Uhr geöffnet ist. "Wir merken, dass dieses Angebot noch wichtiger wird, weil sich die Arbeitszeiten vieler Eltern immer mehr verlagern", berichtet Renate Schulz.

Ihre Einrichtung ist keineswegs die einzige, die sich in Ostbrandenburg auf die moderne Arbeitswelt eingestellt hat - dank der Erfahrungen aus der DDR. Die Frankfurter Kita "Oderknirpse" hat seit Dezember 2006 ein Abkommen mit der Europa-Uni Viadrina. Studenten und Mitarbeiter können ihren Nachwuchs wochentags bis 20 Uhr und sogar am Sonnabend der Kita anvertrauen. Noch weiter geht die Kita "Am Sonnensteig" - ebenfalls in Frankfurt. Drei Mitarbeiterinnen stehen täglich dafür bereit, die Kinder am Abend nach Hause zu begleiten und dort zu betreuen. "Besser und billiger als ein Babysitter", wirbt Kita-Chefin Heike Seidler für das Angebot. "Auch wenn die Eltern abends mal gemeinsam ins Kino wollen und die Großeltern nicht einspringen können, sind wir da." Firmen wie etwa die Sparkasse würden das Programm mitfinanzieren, um ihre Mitarbeiter zu entlasten, wenn einmal Überstunden fällig sind.
Träger der Kita ist die Volkssolidarität. Das Angebot ist als Betreuungsservice für Kinder aus der ganzen Stadt gedacht, also nicht nur für die regelmäßigen Sonnensteig-Bewohner. Weil sich das Projekt selbst tragen soll, müssen die Eltern für den Extra-Service zahlen - je nach finanzieller Situation maximal 5 Euro pro Stunde. Deutschlandweite Schlagzeilen hat auch das Projekt einer 24-Stunden-Kita in Schwedt (Uckermark) gemacht. "Anders ginge es fast gar nicht", sagt Miriam Braune, eine der Mütter, die für das Angebot dankbar sind. Sie und ihr Mann arbeiten im Schichtbetrieb. Dass sie trotzdem einen Platz für ihre Laura haben, ist das Verdienst eines örtlichen Vereins. Ohne den Einsatz der Eltern, Spenden und viele unbezahlte Überstunden wäre das nicht möglich.
Lauras Vater ist Elektriker in der Raffinerie, ihre Mutter arbeitet als Krankenschwester. "Als Laura ein Jahr alt wurde, waren wir beide im Schichtbetrieb", erzählt Miriam Braune. Fünf bis sechs Nächte im Monat verbringt Laura deshalb in der Kita "Schnatterenten". "Erst hatten, wir gemischte Gefühle, als wir sie abgaben." Doch in der kleinen Einrichtung habe ihre Tochter immer dieselben Betreuerinnen und sich deshalb schnell wohl gefühlt. Die Dreijährige sagt: "Das ist schön hier, nicht traurig." Längst haben Erziehungsexperten von der Schwedter Kita erfahren. Im Herbst sollen sich die "Schnatterenten" in Stuttgart auf einem Kongress präsentieren, auch eine Einladung nach Brüssel erwartet Kita-Leiterin Marlies Helsing.

"Die meisten Kindergärten bieten das nicht an, weil es sich nicht rechnet", hat die Kita-Che-fin beobachtet. Als zur DDR-Zeit noch Tausende in der Raffinerie arbeiteten, hatte die Stadt Schwedt selbst eine Schicht-Kita betrieben. Doch nach der Wende kam die Arbeitslosigkeit und der Bedarf sank; vor einigen Jahren war Schluss. 2003 öffnete Helsing dann mit ihrem Verein "Leg los - werd groß" die "Schnatterenten", später noch eine Gruppe für die Älteren."Das Klinkenputzen war am Anfang nicht einfach", sagt Helsing. Heute prangen zahlreiche Firmennamen auf der Sponsorentafel über der Garderobe: Große Baumärkte sind darunter, aber auch viele kleine Betriebe. Die Wohnungsgesellschaft sorgt für eine günstige Miete.

In Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) ist man die Sache vor drei Jahren grundsätzlich angegangen. Die Stadt hat ihre Bürger befragt, was sie sich wünschen. Die Antwort: Eine umfangreiche und flexible Kinderbetreuung. Gesagt, getan - seit 2005 gibt es das "Kinderhotel Eisenhüttenstadt" in der Heinrich-Heine-Allee 6. Getragen wird die Einrichtung von der Arbeiterwohlfahrt, frei finanziert durch Beiträge der Eltern, Zuschüsse der Stadt und Sponsorengelder, vor allem vom Arcelor-Stahlwerk im Ort. "Mehr Sponsoren wären gut", sagt Hotel-Chefin Carola Frendel. "Dann könnten wir den Eltern unseren Service noch günstiger anbieten." Denn das ist der Haken an der Sache. Die Stunde kostet 3,50 Euro und eine Übernachtung mit Frühstück 20 Euro. Zu viel für manche Eltern.

[MOZ, 6. April 2007]

[2007-04-06 13:13] Leg los - werd gross e.V.

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